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Schrauben lösen sich auf zwei Wegen: Die Verbindung lockert sich, vor allem weil sie sich setzt, oder Querbewegungen drehen Schraube oder Mutter Stück für Stück los.1 Der wichtigste Schutz ist deshalb eine ausreichend hohe Vorspannkraft; Sicherungselemente kommen erst danach.12 Federringe, Zahn- und Fächerscheiben helfen nachweislich nicht; ihre DIN-Normen sind ersatzlos zurückgezogen.123

Setzen: ein paar Tausendstel Millimeter

Unter dem Druck der Vorspannung ebnen sich die Rauheitsspitzen an allen Kontaktflächen ein: an den belasteten Gewindeflanken, unter Kopf und Mutter und zwischen den verschraubten Teilen.4 Die Richtlinie VDI 2230 gibt dafür Richtwerte an, für Teile aus Stahl ohne Beschichtung:4

Rautiefe RzGewindeAuflageFuge
unter 10 µm
Zug/Druck
32,51,5
unter 10 µm
Schub
332
10 bis unter 40 µm
Zug/Druck
332
10 bis unter 40 µm
Schub
34,52,5
40 bis unter 160 µm
Zug/Druck
343
40 bis unter 160 µm
Schub
36,53,5

Alle Werte in µm, also Tausendstel Millimeter, unter der Rautiefe die Art der Belastung. „Auflage“ gilt je Kopf- oder Mutterauflage, „Fuge“ je innere Trennfuge zwischen den verschraubten Teilen. Eine Verbindung aus Schraube und Mutter, die zwei glatte Teile (Rz unter 10 µm) bei Zug- oder Druckbelastung zusammenhält, setzt sich nach dieser Tabelle um etwa 9,5 µm (unsere Addition: Gewinde, Kopf- und Mutterauflage, eine Trennfuge). Was sich schon beim Anziehen einebnet, kostet keine Vorspannkraft; es zählt nur, was danach passiert. Beim hydraulischen oder thermischen Vorspannen kann das spätere Setzen deutlich größer sein als die Tabellenwerte.4

Warum kurze Schrauben empfindlicher sind

Eine Schraube wirkt wie eine sehr steife Feder: Sie hält nur, weil sie beim Anziehen ein wenig gedehnt wird. Eine voll angezogene M10 der Festigkeitsklasse 8.8 dehnt sich bei 40 mm Klemmlänge um etwa 0,1 mm. Setzt sich die Verbindung um 0,01 bis 0,02 mm, fehlen schon 10 bis 20 % der Vorspannkraft; bei 20 mm Klemmlänge sind es 15 bis 30 %.5 Als Faustregel gilt eine Klemmlänge vom Vierfachen des Durchmessers oder mehr5; ein Hersteller von Sicherungsscheiben nennt mindestens das Drei- bis Fünffache.6 Eine Norm, die eine Mindestklemmlänge vorschreibt, haben wir nicht gefunden.

Losdrehen: Querschlupf dreht die Schraube los

Gefährlicher ist das selbsttätige Losdrehen, denn es kann bis zum Auseinanderfallen der Verbindung führen.1 Verschieben sich die Bauteile unter wechselnder Last quer zur Schraube, gleitet zuerst das Gewinde ab und dann die Auflage unter Kopf oder Mutter. Bei jedem Abgleiten dreht das Gewindesteigungsmoment die Schraube ein kleines Stück zurück; entscheidend ist, dass sich das mit jedem Lastwechsel wiederholt.7 Lange, schlanke Schrauben biegen sich bei kleinen Querbewegungen, statt abzugleiten.5

Wie wenig dafür nötig ist, zeigt der Bericht zum Zugunglück von Grayrigg in England am 23. Februar 2007: Nach Berechnung der Unfalluntersuchung war an den Schrauben der Weichen-Verbindungsstangen die gesamte Vorspannkraft schon verloren, wenn sich die Mutter um 1/19 Umdrehung zurückdrehte.8

Der Junker-Test: wie man Sicherungen prüft

Die ersten Untersuchungen betrachteten das Losdrehen nur unter schwellender Last in Längsrichtung der Schraube; einen vollständigen Verlust der Vorspannkraft konnte man so nicht erzeugen. Gerhard Junker belastete die Verbindung als Erster quer zur Schraubenachse, wies den vollständigen Verlust nach und baute den Prüfstand, der bis heute benutzt wird.7 Sein Aufsatz „New Criteria for Self-Loosening of Fasteners Under Vibration“ erschien am 1. Februar 1969.9

  • So funktioniert er: Ein Exzenter schiebt eine Platte über eine feste zweite hin und her; die Prüfschraube spannt beide zusammen. Gemessen werden Vorspannkraft, Querkraft, Verschiebung und Zahl der Zyklen7, das Ergebnis ist eine Kurve der Klemmkraft über den Lastwechseln.10
  • Die Messlatte nach DIN 25201-4: Zuerst stellt man die Verschiebung so ein, dass eine ungesicherte Verbindung in 300 ± 100 Zyklen auf 20 % der Montagevorspannkraft abfällt. Mit Sicherung darf die Vorspannkraft dann über mindestens 2000 Zyklen nicht unter 80 % der Montagevorspannkraft fallen, und die Kurve darf keinen weiteren Abfall erkennen lassen; jeder Versuch läuft mit neuen Teilen.7
  • Die Normen: DIN 65151 (Luft- und Raumfahrt, aktuelle Ausgabe 2002-08)11, ISO 16130 (Luft- und Raumfahrt, 2015, 2021 bestätigt)12 und DIN 25201-4 für Schienenfahrzeuge (2021-11).13
  • Die Grenze: Der Test vergleicht eine Sicherung mit einer ungesicherten Verbindung. Laut ISO 16130 erlaubt er ausdrücklich keine absolute Aussage über das Verhalten im Betrieb.12

Mythos-Check: was die Sicherungen wirklich tun

SicherungWas sie wirklich tutUrteil
Federring (DIN 127, 128), Federscheibe (DIN 137)Federringe sind bei Schrauben ab 8.8 typischerweise schon bei 10 bis 20 % der Ziel-Vorspannkraft flach gedrückt und können das Losdrehen im Junker-Test sogar beschleunigen.2 Laut Reyher werden Federringe und Federscheiben selbst bei Schrauben der Festigkeitsklasse 5.6 und darunter nur platt gedrückt und gleichen kein Setzen aus.14wirkungslos; Normen ersatzlos zurückgezogen115
Zahnscheibe (DIN 6797), Fächerscheibe (DIN 6798)Keine Sicherungswirkung, weder gegen Lockern noch gegen Losdrehen; für Schrauben ab 8.8 nicht empfohlen.3wirkungslos; Normen ersatzlos zurückgezogen1
Spannscheibe (DIN 6796)Gleicht Setzen in begrenztem Rahmen aus14, laut Würth höchstens 20 µm und nur, wenn ihre Federkraft auf die Vorspannkraft abgestimmt ist3; sichert nicht gegen Losdrehen. Ein Industrieunternehmen verbietet sie in seiner Konstruktionsrichtlinie.16hilft gegen Setzen, nicht gegen Losdrehen
KontermutterWirkt nur richtig gekontert: die dünne Mutter zuerst aufschrauben und nur teilweise anziehen, dann die dicke Mutter voll anziehen und die dünne dabei gegenhalten. Liegt die dünne Mutter oben, drehen sich im Junker-Test beide gemeinsam los.17 Reyher zählt das Kontern zu den unwirksamen Verfahren.14umstritten, nur richtig gekontert
Mutter mit Polyamidring (Stoppmutter, DIN 985 bzw. ISO 10511), Ganzmetall-Sicherungsmutter (DIN 980 bzw. ISO 7042)Verhindert das Abfallen, nicht den Verlust an Vorspannkraft.143 Polyamid-Muttern laut Herstellerdatenblatt nur einmal verwenden, −50 bis +120 °C.18Verliersicherung
Kronenmutter mit SplintWirkt nur als Verliersicherung.19 Würth rät bei Schrauben ab 8.8 davon ab.3Verliersicherung
SicherungsdrahtWird so gelegt, dass sein Zug die Schraube immer in Anziehrichtung dreht; Einwegmaterial.20bewährt, wo nichts anderes geht
Keilsicherungsscheiben (Scheibenpaar)Der Keilwinkel der innen liegenden Flächen ist größer als der Steigungswinkel des Gewindes: Jeder Versuch, die Schraube loszudrehen, erhöht die Vorspannkraft.14 Das Scheibenpaar muss direkt unter Kopf bzw. Mutter liegen.3Losdrehsicherung
Sperrzahn- und RippschraubenFormschluss über Zähne in der Auflage; die Zähne müssen erheblich härter sein als das Bauteil und verändern die Reibung stark.14 Sie können die Oberfläche beschädigen19; nicht auf gehärteten Flächen.3Losdrehsicherung, nicht auf gehärteten Flächen
Anaerober KlebstoffHärtet unter Luftabschluss bei Metallkontakt aus14 und dichtet zugleich21; die Gewinde dürfen nicht geschmiert sein.3 Mittelfest lässt sich mit normalem Werkzeug lösen, hochfest erst, wenn man die Verbindung örtlich auf etwa 250 °C erwärmt und im heißen Zustand löst.2122Losdrehsicherung

Zur Temperatur: Henkel nennt für seine anaeroben Klebstoffe im Dauerbetrieb standardmäßig −55 bis +150 °C, für den mittelfesten Typ auf derselben Produktseite eine Anwendungstemperatur von −55 bis +180 °C.1923

Wie wenig ein Federring gegen die Vorspannkraft ausrichtet, hat die Unfalluntersuchung von Grayrigg gemessen: Vergleichbare Federringe ließen sich schon mit 0,65 kN flach drücken, die Verbindung brauchte aber bis zu 31 kN Klemmkraft je Schraube.8 Viele der unwirksamen Elemente stammen laut einem Fachhändler aus einer Zeit, in der es noch keine objektiven Prüfverfahren gab.24

Was wirklich hilft

  • Vorspannkraft zuerst. Reyher nennt mit Verweis auf die Schienenfahrzeug-Norm DIN 25201-4 als erste Maßnahme gegen selbsttätiges Losdrehen die Erhöhung der Vorspannkraft, danach eine elastischere Schraube, mehr Reibung und die Begrenzung des Querschlupfs, etwa mit Passschrauben oder Stiften.1
  • Lange Klemmlänge, wenige Fugen. Dehnschrauben oder Dehnhülsen, ein genaues Anziehverfahren und möglichst wenige Trennfugen verringern Setzverluste; unter hochfeste, stark vorgespannte Schrauben gehören weder Sicherungsbleche noch Federringe.4
  • Wenn sichern, dann richtig. Bei Querbelastung eine Losdrehsicherung wählen, keine Verliersicherung. Sperrende Elemente wie Keilsicherungsscheiben oder Sperrzähne wirken nur direkt unter Kopf und Mutter, bei Durchsteckverbindungen also auf beiden Seiten.143
  • Nachziehen, wo vorgesehen. Nach dem Radwechsel rät der ADAC, die Verschraubung nach etwa 50 km zu prüfen und gegebenenfalls nachzuziehen.25 An vielen Verbindungen ist das nicht praktikabel; dort müssen Setzverluste schon bei der Konstruktion eingeplant werden.26

Ein Fachhändler fasst es so zusammen: Eine richtig ausgelegte und zuverlässig montierte Schraubenverbindung sollte ohne Schraubensicherung auskommen.24 Die Grundlagen zu Gewinden, Festigkeitsklassen und Sicherungen stehen auf unserer Seite Schrauben & Gewinde, die Begriffe im Lexikon.

Anzugsmomente nennen wir bewusst nicht: Sie hängen von Schraube, Reibung und Anwendung ab. Maßgeblich sind die Angaben des Herstellers oder die Berechnung nach VDI 2230.

Häufige Fragen

Helfen Federringe gegen das Lösen von Schrauben?

Nein. Bei Schrauben ab 8.8 sind sie typischerweise schon bei 10 bis 20 % der Ziel-Vorspannkraft flach gedrückt, und im Junker-Test können sie das Losdrehen sogar beschleunigen. Die DIN-Normen für Federringe sind ersatzlos zurückgezogen.

Was ist der Junker-Test?

Eine Rüttelprüfung, bei der die verschraubten Teile quer zur Schraube hin und her geschoben werden, während die Vorspannkraft gemessen wird. Sie geht auf Gerhard Junker (1969) zurück und ist in DIN 65151, ISO 16130 und DIN 25201-4 genormt.

Wie oft kann man eine Mutter mit Polyamidring verwenden?

Laut Herstellerdatenblatt nur einmal, weil sich der Kunststoffring beim Aufschrauben plastisch verformt.

Quellen

  1. F. Reyher: Technische Informationen TI/2020.04/DE (TI-255/256 nach DIN 25201-4; Normentabelle Stand 10/2019, PDF) (geprüft 22.10.2026)
  2. Bolt Science Ltd.: Helical Spring Lock Washers (englisch) (geprüft 22.10.2026)
  3. Würth Industrie Service: Technikportal, 7. Sicherungselemente (PDF) (geprüft 22.10.2026)
  4. eAssistant-Handbuch, Kap. 14 Schraubenverbindungen nach VDI 2230 (zitiert VDI 2230 Blatt 1, 2015, Tabelle 5) (geprüft 22.10.2026)
  5. Bolt Science Ltd.: The importance of the grip length to bolt diameter ratio (englisch) (geprüft 22.10.2026)
  6. Nord-Lock Group (Hersteller von Keilsicherungsscheiben): How to optimize a bolted joint through clamped length? (englisch) (geprüft 22.10.2026)
  7. Marius Hofmann: Modellierung des Mechanismus des selbsttätigen Losdrehens von Einschraubenverbindungen unter Querbelastung, Dissertation TU Darmstadt, 2025 (PDF) (geprüft 22.10.2026)
  8. Rail Accident Investigation Branch: Rail Accident Report 20/2008, Derailment at Grayrigg, 23 February 2007 (PDF, englisch) (geprüft 22.10.2026)
  9. G. H. Junker: New Criteria for Self-Loosening of Fasteners Under Vibration, SAE Paper 690055, 01.02.1969 (englisch) (geprüft 22.10.2026)
  10. F. Pichoff, M. Kummel, M. Schiff: Dynamic vibration testing of fasteners, Matériaux & Techniques 106 (2018) 307 (englisch) (geprüft 22.10.2026)
  11. DIN Media: DIN 65151:2002-08, Dynamische Prüfung des Sicherungsverhaltens von Schraubverbindungen unter Querbeanspruchung (geprüft 22.10.2026)
  12. ISO 16130:2015, Aerospace series – Dynamic testing of the locking behaviour of bolted connections under transverse loading conditions (englisch) (geprüft 22.10.2026)
  13. DIN Media: DIN 25201-4:2021-11, Schienenfahrzeuge – Sichern von Schraubenverbindungen (geprüft 22.10.2026)
  14. F. Reyher: Sichern von Schraubverbindungen, Broschüre 09/2016 (PDF) (geprüft 22.10.2026)
  15. DIN, Normenausschuss Mechanische Verbindungselemente: DIN 127 (Ausgabe 1987-10, zurückgezogen) (geprüft 22.10.2026)
  16. K+S: Leitfaden T-006-DE Unzulässige Konstruktionsdetails, 10.07.2025 (PDF) (geprüft 22.10.2026)
  17. Bolt Science Ltd.: The Use of Two Nuts to Prevent Self Loosening (englisch) (geprüft 22.10.2026)
  18. Heinrich Kipp Werk: Katalogblatt K1148 Sechskantmuttern mit Polyamid-Klemmteil, niedrige Form, DIN 985 (PDF über Händler marek.eu, englisch) (geprüft 22.10.2026)
  19. Henkel/Loctite: Leitfaden zur Schraubensicherung, Layout 07/2008 (PDF) (geprüft 22.10.2026)
  20. FAA Safety Team: Fact Sheet Safety Wire (PDF, englisch) (geprüft 22.10.2026)
  21. Henkel: Technisches Datenblatt eines mittelfesten anaeroben Schraubensicherungsklebstoffs (LOCTITE 243), April 2025 (PDF, englisch) (geprüft 22.10.2026)
  22. Henkel: Technisches Datenblatt eines hochfesten anaeroben Schraubensicherungsklebstoffs (LOCTITE 270), November 2024 (PDF, englisch) (geprüft 22.10.2026)
  23. Henkel: Produktseite LOCTITE 243 (Anwendungstemperatur) (geprüft 22.10.2026)
  24. Otto Roth GmbH: Technik-Handbuch, Kapitel Schraubensicherung (PDF) (geprüft 22.10.2026)
  25. ADAC: Reifenwechsel, 02.04.2026 (geprüft 22.10.2026)
  26. Bolt Science Ltd.: Preload Loss from Embedding in Bolted Joints (englisch) (geprüft 22.10.2026)

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